von Lisa Wicharz
Über meine Meinung zum Bildungssystem berichte ich besser etwas umgangssprachlich aus meinem Schulalltag, ansonsten ist das Thema zum hundertsten Mal möglicherweise nicht mehr lesenswert. Außerdem macht es die Sicht einer Jugendlichen nachvollziehbarer – die Sicht aus einer eher selten zu lesenden Perspektive.
Ich bin 17 Jahre alt und Schülerin an einem Gymnasium in Schöneweide sowie in der SchülerInnenzeitung und einem Sportverein tätig, seit kurzem auch bei den JUSOS in der SPD Treptow-Köpenick. In meiner restlichen Freizeit fange ich bald meinen nächsten Kurs in Französisch an der Volkshochschule an und beende endlich meinen Führerschein der Klasse B. Am wichtigsten ist allerdings an dieser Stelle, dass ich zu dem ersten Jahrgang gehöre, der das Abitur nach zwölf Jahren Schule macht und erstmals das Pflichtfach Ethik bis einschließlich zur zehnten Klasse hatte.
Zuerst soll hier der Ethikunterricht Thema sein, denn dazu habe ich ein recht kurzes Statement. Voraussetzung für guten Unterricht sollten gut ausgebildete LehrerInnen und Lehrbücher sein. Zum einen hat der erste Probejahrgang nie Lehrbücher gehabt, zum anderen stellte sich unsere Lehrerin vor die Klasse und meinte zum Unterrichtsabschnitt Religion nur: ,,Und ihr arbeitet jetzt Vorträge aus, denn ich bin Atheistin und habe keine Ahnung von Religion und eigentlich auch kein Interesse daran.“ Ähm, okay? Ich bin selbst katholisch und hatte etwa sechs Jahre lang außerhalb der Schule Religionsunterricht. Deshalb kann ich sagen, dass das, was da auf den Plakaten letztendlich zu den Weltreligionen zusammengetragen und gut benotet wurde, schlicht und einfach falsch war. Meiner Meinung nach ist dieses schon traurig, denn gerade beim Thema Religion haben viele meiner MitschülerInnen leider gar keine Toleranz, geschweige denn ein Verständnis für wirklich gläubige Menschen (zu denen ich nicht einmal gehöre). Ansonsten können wir in meiner Klasse über viele Themen gut diskutieren. Ich persönlich finde es wichtig sich in einer Gruppe mit verschiedensten Themen auseinanderzusetzen. Doch müssen dafür zwei Unterrichtsstunden in der Woche geopfert werden, wenn es dafür dann nur 45 Minuten pro Woche Erdkunde gibt? Es sollte versucht werden, solche Diskussionsrunden zu anderen Zeiten entstehen zu lassen.
Nun zum verkürzten Abitur: Ich hatte in der neunten Klasse sechs Unterrichtsstunden mehr in der Woche, als der Jahrgang zuvor. Das ist fast ein ganzer Schultag und lässt nicht viel Zeit für andere Aktivitäten, wie Vereinssport oder einfach mal nur das Lieblingscomputerspiel spielen, ohne gleich die schulischen Aufgaben zu vernachlässigen. Der Grund ist die elfte Klasse, die unser Jahrgang nicht mehr hat, deren Unterrichtsstoff wir allerdings zum größten Teil behandelt haben müssen. Erschreckend fand ich es aufgrund dessen, dass mein Chemielehrer sich vor die Klasse stellte und verkündete: ,,Leute, ein kleiner Exkurs. Ich geb euch jetzt eine Zusammenfassung von einem Thema, für dass wir früher wochenlang Zeit hatten, allerdings aus eurem Lehrplan gestrichen wurde. Ihr müsst es nur im Abitur wissen, wobei ich nicht nachvollziehen kann, wie das funktionieren soll und deshalb diese eine Stunde zu diesem Thema.“ Alle guckten ganz schön verdutzt. Bis hierhin denke ich, dass ich (damit meine ich nur meine Person, die oft zu viel Ehrgeiz an den Tag legt) ganz gut mit dem Druck leben kann und auch mit den 40 Kursen, die wir insgesamt während dem Abitur belegen müssen, weil der Senat plötzlich feststellte, dass wir trotz allem viel zu wenig Unterricht in unserer Schullaufbahn hatten. Der Jahrgang nach uns muss sogar von diesen 40 Kursen noch mehr Kurse in das Abitur einfließen lassen. Diese Zusammenarbeit in dem kommenden sogenannten Doppeljahrgang (zehnte und elfte Klasse kommen in die gleichen Kurse) wurde an meiner Schule im vergangenen Schuljahr in den Wahlpflichtfächern getestet. Ich hatte zum einen Latein gewählt, wo wir als sehr kleine Gruppe gut klarkamen. Der Kurs im Fach Biologie, welches ein beliebteres Fach bei uns ist, hatte da leider erhebliche Schwierigkeiten. Traurig ist auch und dies soll mein letzter Punkt sein, von noch vielen, die ich aufzählen könnte, dass viele meiner MitschülerInnen, trotz für sie vier quälenden Jahren Lateinunterrichts, kein Latinum erhalten werden. Durch die Abschaffung des Großen und Kleinen Latinums, würden wir es erst nach der elften Klasse erhalten. Dies würde wiederum noch weitere zwei Semester Latein bedeuten. Viele wählten dies allerdings nicht, weil sie Angst hatten sich dadurch ihren Abiturdurchschnitt herunterzuziehen. Eine weitere Qualifikation kann jedoch nie schaden.
Zusammenfassend kann ich eigentlich nur das wiederholen, was ich im Frühjahr zu Gregor Gysi sagte. Er ließ sich über die Befürwortung des verkürzten Abiturs und falsche Entscheidungen der Abgeordneten zur Griechenlandkrise aus, als er an meiner Schule einer zweistündige Diskussionsrunde beisaß. Zum Ersten werden die Kinder so früh eingeschult, dass sie auch recht jung das Abitur erhalten (er hielt die Schullaufbahn für zu lange). Zum Zweiten sollte eine möglichst weit gefächerte Bildung von jungen Menschen möglich sein, die nun mal Zeit benötigt. Ansonsten erziehen wir Menschen, die alles abwählen können, was nicht genau zu ihrer Ausbildung gehört und haben so nur Ahnung von ihrem spezifischen Bereich und keine gute Allgemeinbildung. Und zum Dritten werden wichtige Lehrplaninhalte gestrichen, die doch letztendlich nur die Aufgabe haben, sich richtig mit einer Problematik auseinanderzusetzen und sie von Grund auf zu verstehen, was nicht erlernt dazu führt, dass ,,wieder Abgeordnete irgendwo sitzen werden, die ein Problem nicht hinterfragen und zu verstehen versuchen und wieder [seiner] Meinung nach nur falsch über eine Griechenlandkrise entscheiden können“.
